Pluralisierung des Singularetantum
Jede Sprache hat ihre Eigenheiten, die mehr oder weniger präzise Rückschlüsse auf die Mentalität der Menschen preisgeben, welche diese sprechen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Dialekt. Der gemütliche, etwas putzig anmutende Singsang eines Berners(man nehme den lieben Sämu – Bundesrat – Schmid als Beispiel) etwa, lässt mutmassen, dass dieser ein auf Harmonie und Zufriedenheit bedachter Zeitgenosse ist. Lieber einmal zuviel ja sagen und dafür den Haussegen gerade hängen lassen. Oder das ruppige, mir völlig unverständliche und Ohrschmerz verursachende Walliser gepolter führt zur unweigerlichen Annahme, dass das Gegenüber passionierter Jäger ist, sich eifrig an der Ausrottung bedrohter Tierarten beteiligt und den letzten wild lebenden Wolf erlegt hat.
Aber davon will ich eigentlich gar nicht Berichten. Mein Augenmerk fiel in letzter Zeit vermehrt auf das Zweite der Beiden signifikanten Merkmale des Schweizerdeutschen.
Nachdem sich nun bereits der hinterletzte Komödiant aus Deutschland über den Hang der Schweizer zum Diminutivum ausgelassen hat, dürfte dies auch hierzulande bekannt sein, wobei allem Anschein nach kein Anstoss daran genommen wird und sich vor allem in den trendy Kreisen der 30er Popper an grösster Beliebtheit erfreut.
Die zweite Kuriosität liegt nicht direkt in der Ausprägung der Sprache, als vielmehr in deren Verwendung als Identitätsstiftende Ausdrucksform. Ich spreche davon, einzelne Personen, Ereignisse, Tatsachen, Begebenheiten, Meinungen, oder was auch immer, von der Gebundenheit an das Einzelne, Individuelle auf die Welle des Allgemeinen und Pluralen zu schubsen.
Wenn es zum Beispiel ein Realschüler fertig bringt, was notabene eine beachtliche Leistung ist, Bundesrat zu werden und sich durch einfältige Ausdrucksweise und wahrlich simplifizierte Leitsätze(„Freude herrscht!“) in die Herzen der Schafe politisiert, wird gleich in allgemeiner Übereinstimmung von „eusem Ogi“ gesprochen.
Aber halt – denkt sich jetzt der geneigte Leser – der liebe Ogi ist nicht ‚unser Ogi’ und erst recht nicht ‚mein Ogi’ sondern einfach nur ‚ein Ogi’ und dabei sollte es auch belassen werden. Doch gerade für solche Verallgemeinerungen bietet sich das Schweizerdeutsche an. Es wird generell von ‚wir’ gesprochen wenn etwa die favorisierte Eishockeymannschaft in Aktion tritt. Zwar gibt es das Plural von Eishockeymannschaft – sprich Eishockeymannschaften, kann aber, da es sich schliesslich um das bevorzugte Team handelt und dies nur in der Einzahl vorkommt, als Singularetantum gesehen werden – wird dann aber plötzlich, von übermässigem Drang zur Identifizierung verführt, zum pluralen ‚wir’.
Für manche mag das jetzt Haarspalterei sein und ausserdem pseudointellektuelles Gefasel, aber wer regelmässig Zeitung liest kommt nicht umher sich über solche Dinge den Kopf zu zerbrechen, denn die Tatsache, dass inkonsequenterweise nur also positiv Empfundene Ereignisse pluralisiert werden, gibt Anstoss zur Überlegung ob die Schweiz in einer Identitätskrise steckt…
…ach was! Humbug! Schliesslich sind wir Töffweltmeister!..
…schon mal jemand die Schlagzeile gelesen: „wir sind arbeitslos“?


20 Comments:
NICE
Da gebrauche ich (...oder sollte ich nun eher *wir* sagen?`) doch lieber das ständig belächelte Diminutivum, wenn ich bedenke, wie die Deutschen ihre eigene Sprachkultur verkommen lassen! "Hey Alder", "bin AUF Arbeit" etc. etc.
Ich stosse mich auch stänig an der Pluralisierung des Singularetantum, aber diese Entwicklung ist im ganzen deutschen Sprachraum zu beobachten. (z.B.: Wir sind Papst)
Gut, dass Du diesen Missstand mal festgehalten hast! *thx* :D
A dying man needs to die, as a sleepy man needs to sleep, and there comes a time when it is wrong, as well as useless, to resist.
Stewart Alsop- Posters.
das gibts bei uns auch: WIR sind abfahrtsweltmeister ...
aber wenn die nati verliert, dann waren es natürlich DIE ...
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